Änderungen, die sich Introvertierte am Arbeitsplatz wünschen

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Änderungen, die sich Introvertierte am Arbeitsplatz wünschen

Nicht jeder hat an seinem Arbeitsplatz ein eigenes Büro, bei dem man auch mal die Türe zu machen könnte um Zeit für sich zu haben. Und selbst wenn der Rückzugsraum vorhanden ist – geschlossene Türen sind meistens ungern gesehen, sie vermitteln das Gefühl man wolle sich absondern. Auch in seiner Pause ist es oft schwierig für sich allein zu sein ohne Kollegen vor den Kopf zu stoßen. 

Das Bedürfnis nach Zeit für sich selbst ist in einem professionellen Umfeld oft nur schwer zu befriedigen. Und das, obwohl einige Momente der Ruhe für viele Introvertierte ausschlaggebend sind um sich zu sammeln, Energie aufzutanken, und die nötige Konzentration für bevorstehende Aufgaben zu gewinnen. Das hat nichts mit den Gefühlen gegenüber den Kollegen oder Asozialität zu tun, sondern mit verschiedenen Arten von Informationsverarbeitung. Es wäre also nicht nur im Interesse der Mitarbeiter, sondern auch der Firma, wenn solche Bedürfnisse leichter erfüllt werden könnten. Doch was müsste sich dafür ändern? 

Bewusstsein

Dieser erste Punkt ist vermutlich der offensichtlichste, aber gleichzeitig auch der Grundstein für alle Weiteren. Denn wenn man selbst introvertiert ist mag es offensichtlich sein, warum man eine Pause von Menschen und äußeren Stimuli braucht. Und man mag denken es sei genauso offensichtlich, dass so eine Pause nichts persönliches gegen die Mitmenschen ist. Aber wer so ein Bedürfnis noch nie hatte, für den ist es verständlicherweise schwieriger es nachzuvollziehen und zwischen „Menschenpause weil Energievorrat leer“ und „Menschenpause weil man niemanden leiden kann“ zu differenzieren.
Da wir in einer sehr extrovertiert geprägten (Arbeits-)Welt leben – die noch dazu immer mehr durch Trends aus dem Land der Extrovertierten schlechthin, den USA, beeinflusst wird – sind solche Probleme und Bedürfnisse meist kein Thema. Das führt dazu, dass sich Introvertierte ihrer eigenen Stärken und Schwächen gar nicht bewusst sind und das Gefühl haben, sich an ihr Umfeld anpassen zu müssen, denn „alle anderen schaffen es ja auch“. Im Gegenzug haben natürlich auch extrovertierte Menschen meistens keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die Introvertierte häufig mit einem ganz normalen Arbeitstag haben.
Mehr Bewusstsein für verschiedene Persönlichkeitstypen würde auf beiden Seiten Abhilfe schaffen und introvertierten Menschen helfen, sich Raum zu nehmen und dadurch ihre Produktivität zu steigern.

Rückzugsorte

Alptraum Großraumbüro: Nichts raubt einem Introvertierten so viel Energie. Ständige Eindrücke, die verarbeitet werden müssen und ein konzentriertes Arbeiten fast unmöglich machen. Für die meisten Extrovertierten ist es schon schwierig, sich in einer so reizgefluteten Umgebung zurecht zu finden. 

Doch auch ganz normale Büroräume mit drei oder vier Kollegen können einer introvertierten Person schon einiges an Energie und Konzentrationsfähigkeit rauben. 

Nicht umsonst ist die Idealvorstellung vieler Introvertierter die Arbeit aus dem Home Office – eine gewohnte Umgebung ohne viele Unterbrechungen, die ein konzentriertes und vertieftes Arbeiten problemlos möglich macht. Introvertierte wollen sich voll und ganz auf ihre Aufgaben konzentrieren können. 

Die Möglichkeit eines eigenen Büros oder Home Office für jeden Mitarbeiter ist leider aber in vielen Unternehmen noch schwer umsetzbar. Ausgewiesene Ruheräume können hier eine sinnvolle Alternative sein, von denen nicht nur Introvertierte profitieren.

Für eine Zigarette fünf Minuten vor die Tür zu gehen ist nichts ungewöhnliches. Es sollte genauso akzeptiert werden, sich für fünf Minuten zurück zu ziehen und die Tür hinter sich zu schließen.

Anerkannte „Time-Outs“

Ein kurzer Büroplausch tut nicht weh und Introvertierte sind durchaus keine sozial inkompetenten oder uninteressierten Menschen. Doch die beste Produktivität erreichen sie meistens beim konzentrierten, ununterbrochenem Arbeiten. Da können Kontaktversuche schnell von lieb zu nervig und spontane Anfragen der Kollegen zum Grund für einen Konzentrationsverlust werden. Ein klar definierter Rhythmus zwischen fokussierter Aufgabenerledigung und Zeit für Teamwork/Meetings/Anfragen könnte Abhilfe schaffen. Hierfür müsste eine generelle Umstrukturierung unserer Bürokultur stattfinden – kein einfaches Ziel, aber wir reden ja auch von Idealvorstellungen. In der Realität reicht vielleicht schon der Respekt vor kleinen Signalen, wie beispielsweise aufgesetzten Kopfhörern als Zeichen für „Bitte nicht stören, ich arbeite“.

Geänderte Erfolgsmaßstäbe

Auch an anderer Stelle muss im Arbeitsalltag ein Umdenken stattfinden. Laute, selbstbewusste Arbeitnehmer werden generell als kompetenter eingeschätzt als ihre stilleren Kollegen. Dieser Punkt betrifft nicht jeden introvertierten Menschen, denn viele haben gelernt, sich den Anforderungen anzupassen. Doch generell bevorzugen es Introvertierte, sich die Fakten und getroffenen Aussagen durch den Kopf gehen zu lassen, bevor sie sich zu einem Umstand äußern. Damit stechen sie beispielsweise bei Meetings nicht so schnell hervor. Doch von Sichtbarkeit auf Kompetenz zu schließen ist ein Fehler, der nicht nur den Betroffenen selbst schadet. Introvertierte sind wertvolle Mitarbeiter, deren Potential oftmals übersehen wird. Wichtig sind Führungskräfte und Kollegen, die zuhören und ein Umfeld, in dem auch der Beitrag derjenigen geschätzt wird, die sich selbst ungern in das Rampenlicht stellen. 

 

 

Photo by Daria Obymaha from Pexels

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